Martino MOROSINI (9S) als Volunteer bei Olympia!

  

Hintergrund

Freiwillige Helfer als Schmieröl der Spiele

In 102 Jahren haben sich die Olympischen Winterspiele von einem „Familienevent“ mit 16 Entscheidungen 1924 in Chamonix zu einem Riesenspektakel mit zusätzlichen 100 Bewerben von Mailand bis Cortina d’Ampezzo entwickelt. Die Abwicklung einer derartigen Veranstaltung klappt auch in Norditalien dank des „billigen“ Schmieröls in Form von freiwilligen Helfern. Doch Volunteer zu sein ist kein Zuckerschlecken, wie ein Lokalaugenschein in Cortina zeigt.

Insgesamt 18.000 Freiwillige sorgen in den auf Norditalien verstreuten Schauplätzen der Winterspiele und den am 6. März beginnenden Paralympics dafür, dass der Laden so gut wie möglich reibungslos läuft. Egal, ob als Mitarbeitende in den Pressezentren, Parkeinweiser, Einlassbewacher oder lebende – mit riesigen Schaumstofffingern ausgestattete – Wegweiser: Die dunkelblaue Uniform mit türkis-gelben, an das Logo der Spiele angelehnten Musterungen ist überall präsent.

 Dem kurz nach den Sommerspielen 2024 in Paris erfolgten Aufruf, sich für einen der 18.000 Plätze zu bewerben, folgten über 150.000 Personen aus aller Welt. Auch wenn rund 85 Prozent der Volunteers aus Italien stammen, sind laut offiziellen Informationen 98 Nationen mit 58 Muttersprachen bei den Spielen mit von der Partie. Mehr als die Hälfte der 18.000 Personen sind zudem freiwillige Helfer und Helferinnen. Und fast zwei Drittel stellen nicht zum ersten Mal ihre hilfreichen Hände bei Großereignissen zur Verfügung.
Der wichtigste Beweggrund sei aber die möglicherweise „Once in a lifetime“-Experience, so die freiwillige Helferin, die praktischerweise Journalismus studiert: „Es ist reizvoll, weil man grundsätzlich mittendrin ist.“ Wenn man wie sie im Pressebereich, für den sie sich explizit beworben hatte, arbeitet, „kommt man an die Sportlerinnen und Sportler nahe heran“. So ergaben sich etwa Plaudereien mit den erfolgreichen Rodlerinnen und Rodlern. Dazu schaue „es im Lebenslauf gut aus, wenn man diese Erfahrung hat“.

Warten, stehen, warten

Aber so wie die olympischen Medaillen habe auch die Volunteer-Arbeit ihre Kehrseite. Denn „freiwillig“ wird von den Organisatoren beim Wort genommen. Für Anreise und Unterkunft muss ein Volunteer selbst aufkommen. Einziges „Goodie“ zusätzlich zur Montur: eine Mahlzeit pro Tag. Weil speziell Cortina auch zu den teureren Pflastern zählt, wohnen etwa Pauline und ihre Freundin im rund 50 Autominuten nördlich gelegenen Toblach. Die Anreise mit den nicht immer zuverlässigen Shuttles sei daher auch einer der mühsameren Teile des Volunteer-Jobs.

Eine besondere Herausforderung sei auch das Zeitmanagement, denn Stehzeit habe man in den Schichten, die teilweise bis zu zehn Stunden und weit nach Mitternacht dauern, im wahrsten Sinn des Wortes genug, sagt Pauline: „Man sieht es ja auch im Fernsehen, dass viele Volunteers nur rumstehen, das heißt, es gibt sehr viel Warten, Stehen und Warten. Man darf aber natürlich auch kein Buch oder so lesen.“ Das Image des zu jeder Zeit aufmerksamen Volunteers muss gewahrt bleiben.

Mit einer Arbeit im Pressebereich habe sie es aber noch gut erwischt, so die 24-Jährige. Denn dank ihrer Akkreditierung könne sie etwa in der Mixed Zone einerseits den Journalistinnen und Journalisten über die Schulter schauen und andererseits ein wenig die Emotionen der Aktiven hautnah erleben. Für andere Venues, wie etwa die nahe Curling-Halle, gelte ihre Berechtigung aber nicht. Vielen Volunteers – Stichwort Schaumstofffinger – sei noch weniger vergönnt: „Viele dürfen nicht einmal in die Pressezentren.“

„Würde es auf alle Fälle empfehlen“

Trotz aller kleinen und größeren Schwierigkeiten will zumindest Pauline die Erfahrung nicht missen. „Ich würde es aber auf alle Fälle empfehlen, es ist eine coole Erfahrung. Keine Ahnung, ob ich es noch einmal machen würde, aber ich würde es jedem einmal empfehlen“, so die Studentin. Frühestens in vier Jahren bei den Winterspielen in den französischen Alpen wäre eine Bewerbung wieder eine realistische Option, so Pauline.

Sie habe jedenfalls bereits viele Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, die beinahe regelmäßig ihre Garderobe um Volunteer-Wäsche erweitern. So sei eine Kollegin aus England, die 2012 bei den Olympischen Spielen in London auf den Geschmack gekommen ist, in Cortina zum bereits fünften Mal dabei, erzählt die Österreicherin. Vielleicht ist die erfahrene Freiwillige ja auch in zwei Jahren bereits wieder mit von der Partie. Denn die Bewerbungsmaschinerie für die Sommerspiele in Los Angeles läuft bereits langsam an.